• Maj & Rouven

USA 05 - Into the Wild

Aktualisiert: 2. Sept 2019

ANCHORAGE | DENALI | FAIRBANKS | TOLSONA | PALMER | SEWARD


Nach einem schönen und entspannten letzten Tag in Chicago fuhren wir am Abend zum Flughafen und steuerten unser nächstes Reiseziel an. Endlich ging es in die Natur, endlich ging es in die Wildnis. Wir erhofften uns Ruhe und Einsamkeit und wir freuten uns auf unsere „Into the Wild“ Momente. Nach einer turbulenten Nacht in einem viel zu kleinen Flugzeug, landeten wir früh morgens bei bestem Wetter in Anchorage. Ein erster Blick nach draußen war vielversprechend. Am Horizont sahen wir mächtige Berge, die von der Morgensonne geküsst wurden.



Die kühle Luft belebte unsere müden Körper und Geister und wir fuhren in Richtung Downtown. Noch aus Deutschland heraus hatten wir versucht, die erste Hürde Alaskas zu meistern und eine bezahlbare Unterkunft in Anchorage zu finden. Wir gaben uns nach langem Recherchieren geschlagen und buchten ein Doppelzimmer im Hostel mit Gemeinschaftsbad.

Der unvergleichliche Duft in einem Hostel, bestehend aus beißendem Gestank nach Käsefüßen und altem Schweiß, war unsere Horrorvision. Doch ganz so schlimm war es dann doch nicht, in dem abgewohnten Domizil.

Anchorage Downtown hat wahrlich nicht viel für das ästhetische Auge zu bieten und wir schlenderten müde und planlos durch die Straßen. Die meisten Gebäude waren unschöne, zweckmäßige Waschbetonbauten. Die Fassaden strahlten eine Rauheit aus, wie ihre Bewohner.



Die Sommertage in Alaska sind lang. So lang, dass es niemals dunkel wird und wir die Nähe zum Pol merklich spürten. Die Nächte waren taghell und die brettharten Matratzen im Hostel sorgten dafür, dass wir keine Erholung bekommen sollten.

Müde machten wir uns auf den Weg zur Autovermietung am Flughafen, um unseren Weggefährten für die nächsten zwei Wochen Roadtrip abzuholen.

Nachdem die freundliche Mitarbeiterin von Avis eine ganze Weile fleißig in ihre Tastatur hämmerte und scheinbar an unserer Reservierung verzweifelte, gestand sie, diese nicht finden zu können.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir beide noch einen gesunden Ruhepuls und machten uns keine Sorgen. Wir hielten die notwendigen Papiere fest in unseren Händen, die alle Vertragsbedingungen zweifelsfrei schwarz auf weiß bestätigten.

Nach einer halben Ewigkeit, einer verzweifelten Mitarbeiterin und der Hilfe des Managers, tat sich weiterhin nichts am Schalter. Die Zeit verstrich unaufhaltsam, die to Do Liste für den heutigen Tag war unverändert lang und etwas Unruhe stieg in uns auf.

Als der Fehler endlich gefunden wurde, fingen die Probleme erst richtig an. Die Buchung unseres Mietwagens lief über ein bekanntes Buchungsportal aus dem Internet. Der Anbieter mit der penetranten TV-Werbung einer nervtötenden Familie, die alle super Checker sind. Zwischen diesem Anbieter und der Firma Avis war noch eine dritte Partei geschaltet.

Angeblich hatte diese dritte Partei, ohne ersichtlichen Grund, ohne jegliche Rücksprache mit uns und den „Checkern“, den Wagen bei Avis storniert. Das Geld für den Mietwagen, stolze 762 € für 11 x Miettage, hat der Anbieter bereits vor einigen Monaten von unserem Konto abgebucht und bis heute (Stand September 2019) nicht zurücktransferiert.

Noch dachten wir in unseren Naivität, dass wir einfach ein anderes Auto zu denselben Konditionen erhalten. Der nette Avis Manager versuchte uns schonend beizubringen, dass Hochsaison in Alaska bedeutet, dass alles vorab gebucht werden muss. Autos und Unterkünfte sind schneller vergriffen als man gucken kann und Reservierungen sind zwingend erforderlich. Dementsprechend hatte Avis nun keinen Mietwagen mehr verfügbar, nicht mal ein Golf Cart und auch bei den anderen Autovermietungen sah es schlecht aus.

Unsere Weiterreise durch Alaska war nun ernsthaft in Gefahr. Denn ohne ein Auto konnten wir den geplanten Roadtrip nicht durchführen.

Der Avis Manager klapperte alle Mietwagenfirmen ab, um uns mit seinen Kontakten noch einen fahrbaren Untersatz zu organisieren. Mit Riesenglück im Unglück konnte er noch einen letzten Mietwagen bei einem anderen Anbieter ausfindig machen. Für dieses Auto sollten wir ca. 1.800 € für die geplanten 11 x Miettage abdrücken. Es ist Hochsaison, Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Wohlgemerkt ist die Summe von 762 € des ursprünglichen Mietwagens ja zusätzlich von unserem Konto wegradiert. Wir konnten noch etwas am Preis handeln; haben Versicherungsbausteine weggelassen sowie die Gebühr für einen zweiten Fahrer. Letztendlich zahlten wir 2.300 € für einen Mietwagen in Alaska für den Zeitraum von 11 x Tagen. Man sollte jetzt nicht den Fehler begehen und diese Summe durch die Miettage dividieren.

Es sind knapp 210 € pro Tag…Autsch! Vermutlich wäre selbst ein Mietwagen auf den Bahamas günstiger gewesen.

Immerhin konnten wir nun mit unserem „Goldjungen“, so der Name des Wagens, unsere geplante Reise fortsetzen.

Wir versuchten unsere Sorgen zu verschieben und uns auf die bevorstehenden Aufgaben zu fokussieren.

Drei Stunden später als geplant konnten wir endlich losfahren. Völlig ausgelaugt und nervlich am Ende, mussten wir noch unser Campingequipment kaufen. Durch die zeitliche Verzögerung hatten schon einige Geschäfte geschlossen und so hatten wir nicht mehr die große Auswahl und vor allem keine Zeit, da wir noch am Abend im 390 Kilometer entfernten Denali Nationalpark sein mussten. Mit der voranschreitenden Zeit im Nacken standen wir wie die ersten Menschen bei Walmart und unterlagen unserer Überforderung. Wir beratschlagten uns mit einigen Mitarbeitern, holten verschiedene Meinungen ein und entschieden uns letztlich für ein Zelt und Kochutensilien.

Passende Isomatten fanden wir leider nicht und so mussten wir noch zu einem anderen Ladengeschäft fahren. Dieses war vergleichbar mit Globetrotter und hatte alles zu bieten, was das Outdoorherz begehrt.

Die Preise waren auf dem Niveau der Mietwagen und wir kippten an diesem Tag fast ein zweites Mal hinten um. Neben den benötigten Isomatten fanden wir auch ein ganz kleines Zelt, was qualitativ hochwertiger war, als das bereits gekaufte von Walmart. Also fuhren wir nochmal zurück zum Einkaufsmarkt und tauschten das erste Zelt um. Danach konnte es endlich losgehen mit der großen Fahrt. Am frühen Abend. Knapp 400 Kilometer. Ohne wirklich geschlafen zu haben. Zumindest wurde es in Alaska nicht dunkel und so machten wir die Nacht zum Tag.




Die Uhr schlug Mitternacht, als wir endlich auf unserem ersten Zeltplatz ankamen. So chaotisch und kompliziert wie der Tag begann, sollte er auch enden. Denn vorab hatten wir bereits für den Folgetag einen Shuttle Bus hinein in den Park gebucht, der um 7:00 Uhr abfuhr. Weder wussten wir, wo wir unser Auto für die Zeit stehen lassen konnten, noch wussten wir, wo der Bus abfuhr. Uns durchströmte das Gefühl einer generellen Überforderung. Erschöpft und todmüde legten wir uns in unsere blaue Schlafkoje und wurden vier Stunden später vom klingelnden Wecker und unseren abgefrorenen Gliedmaßen geweckt. Alles rein ins Auto und los ging die Suche.

Nur durch einen Zufall und einer sehr netten Reinigungskraft, fanden wir schlussendlich unseren Sehnsuchtsort, den Shuttle Service. Zitternd vor Kälte und Aufregung quittierten wir alle Dokumente, parkten den Wagen und landeten in einem ausrangierten Schulbus. Belize ließ grüßen!



Zwei Nächte im Denali Park erwarteten uns und wir freuten uns schon sehr. Mit jedem Meter den wir weiter in den Nationalpark fuhren, entspannten sich unsere Körper. Wir schüttelten den stressigen Vortag und Morgen ab und saugten die vorbeirauschende Landschaft ein. Es dauerte nicht lang, da sahen wir die ersten Hirsche und Elche auf unserem Weg zum Campground Wonder Lake.



Der brummige alte Busfahrer hielt an und wir gaben uns der Faszination hin. Die Menschen um uns herum waren allesamt freundlich, nett und unterhielten sich angeregt. Eine schöne Stimmung und ein grandioser Einstieg. Der erste Stop sollte ein besonderes Highlight werden. Von einer Aussichtsplattform mit Blick auf einen Fluss konnten wir ihn sehen. Mit seinen mächtigen Pranken bahnte er sich den Weg und war auf Futtersuche. Ein Grizzlybär! Und was für ein Prachtexemplar. Ein unglaublicher Moment.

Unsere Fahrt durch den Park ging weiter und die Kälte des Morgens fuhr durch unsere Körper. Die langsam aufgehende Sonne war eine Wohltat für Leib und Seele. Wir sichteten weitere Wildtiere und mehrere Grizzlybären kreuzten unseren Weg. Eine Bärenmutter brachte ihrem Jungen die Tricks des Alltags bei und unweit davon passierte eine Hirschkuh den Fluss.



Die Szenerien vor unseren Augen waren an Schönheit, Vielfalt und Natürlichkeit nicht zu übertreffen. Selbst der Busfahrer war über die starke Präsenz der Tiere erstaunt. Die Landschaft war satt und grün und wurde an vielen Stellen von den hier heimischen schmalblättrigen Weidenröschen durchbrochen, die überall wie Aquarelltupfer wachsen.



Bob Ross hätte die „happy little Clouds“ am Himmel nicht schöner malen können. Neben all den verschiedenen Tierarten, die wir bereits bestaunen durften, zeigte sich noch ein seltener Gast in unserem Horizont.

Der Mount Denali, ehemals Mount McKinley, präsentierte sich voller Stolz. Später erfuhren wir, dass nur 30 % der Touristen den höchsten Berg Nordamerikas zu Gesicht bekommen und nur 5 % ihn tatsächlich vollkommen klar und wolkenlos sehen.







Am Campground schwebten wir, dank der vergangenen sechs Stunden, bereits auf Wolke Sieben. Als der Parkranger uns mit einem Augenzwinkern noch den schönsten aller Campingspots zuteilte, waren wir endgültig verliebt. Verliebt in einen Teil der USA, der sich anfühlt und agiert, wie ein ganz eigenständiges Land. Unser Zeltplatz bot einen „unverbauten“ Blick auf den Mount Denali und nur wenige Augenblicke nachdem unser Zelt stand, schlenderte ein gigantischer Elch an uns vorbei. Wir waren überwältigt von so viel Schönheit und freundlichen Menschen um uns herum. Es braucht nicht viel, um ehrliches, tiefes Glück zu empfinden. Begeistert probierten wir am Abend unser Kochequipment aus und waren fasziniert von der Einfachheit und Genialität des gekauften Gaskochers. In einem Gespräch mit dem Ranger erwähnten wir, dass wir ein wenig gehemmt sind im Denali wandern zu gehen. Die starke Präsenz der Grizzlybären während unserer Fahrt hatte uns verunsichert. Und unsere Sorgen waren nicht unbegründet. Der Ranger krempelte die Ärmel seiner Uniform hoch und offenbarte uns riesige Narben, die er nach einem Angriff eines Grizzlybären davongetragen hatte. Er besorgte uns ein Bärenspray, mit dem man sich bei einem etwaigen Angriff zumindest wehren kann.

So richtig beruhigte uns die kleine Dose allerdings nicht. Der Ranger fand die richtige Worte, als er sagte, dass wir hier nur zu Gast sind und die Tiere hier ihr Zuhause haben.

Am Abend stand ein Ranger Programm auf dem Plan und wir freuten uns sehr. Aufgeregt wie die kleinen Kinder vorm Kasperltheater, saßen wir im Amphitheater in der ersten Reihe und freuten uns auf den Vortrag zum Thema Dinosaurier im Denali Nationalpark. Liebevoll bereitete Rangerin Doris ihre mitgebrachten Gummi-Dinos vor und erklärte anschaulich die komplexen Zusammenhänge.

Mit einem deutlichen Appell machte sie im Nachgang auf den Klimawandel aufmerksam und fand auch hier die richtigen Worte. „Das Klima hat sich schon immer verändert und Tiere sowie Pflanzen passten sich diesen Veränderungen an. Über tausende und Millionen von Jahren haben sie ihre Fähigkeiten dem Klima und den Bedingungen auf Erden angeglichen. Doch was momentan passiert, geht zu schnell. Viel zu schnell. Kein Lebewesen auf diesem Planeten hat eine Chance sich dem rasanten Wandel anzupassen und seine Eigenschaften dem Überleben abzustimmen. Und das ist die eigentliche Katastrophe.“

Die Nacht war angenehm ruhig und deutlich wärmer als zuvor. Durch unsere blauen Zeltwände konnten wir das schöne Wetter des folgenden Morgen bereits erahnen und beim Öffnen zeigte sich der Mount Denali in seiner ganzen Pracht. Keine Wolke störte den Blick auf die weißen Schneewipfel des Berges.





Wir entschieden uns den Vormittag an unserem Zeltplatz zu verweilen und den Anblick zu genießen. Keine Kulisse hätte in diesem Moment eindrucksvoller sein können. Wir sind glücklich und dankbar darüber, dass wir zu den 5 % Touristen gehören, die den Berg in seiner Gänze vom Fuß bis zum schneebedeckten Gipfel sehen durften. Am Nachmittag rissen wir uns vom Blick des Berges los und wanderten den einzigen Trail am Wonder Lake entlang. Das Bärenspray jederzeit griffbereit, versuchten wir permanent im Gespräch zu bleiben. Für Rouven kein Problem. Viel Sprechen, laute Geräusche machen und Präsenz zeigen, sind die besten Mittel, um präventiv die Bären auf Distanz zu halten. In der Einsamkeit der Natur konnten wir schließlich den gesamten Großstadtstress der letzten Wochen hinter uns lassen.





Auch diesen Tag ließen wir mit dem Rangerprogramm am Abend ausklingen und wurden bestens über den Mount Denali informiert.

Als höchster Berg Nordamerikas, inmitten einer 200 Kilometer langen Bergkette, sticht er deutlich hervor. Nicht nur sein äußeres Erscheinungsbild verrät seine Einzigartigkeit. Die gesamte Bergkette besteht aus einer bestimmten Gesteinsart, nur der Mount Denali besteht aus Granit.

Wir waren total begeistert und nach dem zweiten fesselnden Vortag der Rangerin Doris stand unser Wunschberuf fest. Würden wir in den USA leben, wir wären Ranger geworden. Daran besteht kein Zweifel.

Der nächste Tag kündigte sich an und es war Zeit sich von unserem lieb gewonnenen Park zu verabschieden. Eine dreieinhalb Stündige Fahrt im Schulbus brachte uns zurück zu unserem Goldjungen. Auf dem Weg sahen wir erneut die Bärenmutter mit ihrem Jungen. Zu sehen, wie die Ranger mit der Natur und dem Leben umgehen ist eine Wohltat für unsere von globaler Erwärmung, dem Klimawandel, dem Overtourism und den zugemüllten Ozeanen geprägten Köpfe. Weiter ging unsere Reise immer Richtung Norden. Fairbanks hieß unser nächstes Ziel und ist der nördlichste, bewohnte Punkt Alaskas. Danach gibt es nur noch Wildnis und die wirkliche Einsamkeit.

Über Airbnb hatten wir eine gemütliche Holzhütte direkt an einem Fluss gebucht. Inklusive Plumsklo im Wald. Leider sah unser Domizil im Internet wesentlich charmanter aus, als es der Realität entsprach. Es war alles sehr abgewohnt, schrecklich düster und auch ein wenig gruselig.

Für zwei Tage war es auszuhalten und wir machten auf unserer Terrasse ein Outdoor Kino auf. „Into the Wild“ schaut sich im Land des Geschehens doch am Besten.

Wir waren neugierig auf die Innenstadt des berühmten Ortes Fairbanks und fuhren am Folgetag erwartungsvoll in die City. Wobei die Definition einer Innenstadt für Alaska ganz neu formuliert werden muss.

An Tristesse war dieser Ort kaum zu überbieten. Viele Ladengeschäfte waren geschlossen. Und wenn mal etwas offen hatte, wurde der letzte Kitsch feilgeboten. Wie man mit so wenig Lebensqualität auskommt ist uns schleierhaft. Viele Menschen in Alaska sind, nun ja, ziemlich speziell. Verschroben trifft es vielleicht am Nähesten. Alaska ist bekannt als Paradies für Aussteiger, die sich von der Gesellschaft abmelden und vorzugsweise für sich selbst sind.

Dass an solchen Orten mitunter auch zur Flasche gegriffen wird, ist leider im Stadtbild allgegenwärtig. Ähnlich wie bei den Ureinwohnern Australiens, sind es in Alaska überwiegen Inuit, die verwahrlost und betrunken rumhängen und denen man ihren Lebensraum und Perspektive geraubt hat.




Später am Abend hörten wir neben unserer Hütte ein verdächtig lautes Geräusch. Ohne Bärenspray bewaffnet hofften wir, dass uns kein Grizzlybär auf die Veranda springt. Erleichtert und schockverliebt sahen wir uns lediglich einem Murmeltier entgegen. Es knabberte genüsslich und kugelrund im Gras und wir waren verzückt von dem Schauspiel. Immer weiter zog es seine Bahnen im Gras und näherte sich langsam unserem Auto. Ich ahnte bereits, was Rouven noch verborgen blieb. Klick, Klack, Klock und drinnen saß das Murmeltier. Es hatte sich in unserem warmen Motorraum gemütlich gemacht. Leicht panisch und absolut ahnungslos verfluchten wir, dass wir ohne Internet ausgestattet und nicht in der Lage waren Herrn Google zu fragen: „Murmeltier im Motorraum was tun?“.

Wir klopften vorsichtig, um es nicht zu erschrecken aber gleichzeitig herauszulocken. Keine Spur von dem Tier. Es blieb regungslos in irgendeinem Hohlraum stecken. Wir sahen in Gedanken schon, wie es gierig von den Grashalmen auf schmackhafte Kabel umstieg und unseren Goldjungen damit lahmzulegen. Wir trauten uns kaum den Motor zu starten, doch es blieb uns keine Wahl. Wieder blieb der Versuch erfolglos. Wir hatten nun panische Angst dem Kleinen etwas getan zu haben und ließen ihn erstmal in Ruhe. Gebannt starrten wir danach das Auto an. Lebt er noch? Nach einer halben Ewigkeit kam er putzmunter unter dem Auto hervor und naschte seelenruhig am nächsten Blattgrün. Wir beteten insgeheim, dass er nicht noch mal als blinder Passagier einsteigt oder er sich an den Bremsschläuchen verbissen hatte.



Das Frühstück unter der wärmenden Sonne ließ unsere Lebensgeister am nächsten Tag wieder erwachen und wir fuhren in Richtung Glennallen. Die Landschaft war malerisch schön und das Wetter meinte es gut mit uns. Zumindest bis zum Nachmittag, dann zog sich der Himmel zu und es begann immer stärker zu regnen. Es kühlte merklich ab und bei der Aussicht darauf, die nächsten Tage im Zelt verbringen zu müssen, zogen sich auch unsere Mienen finster zu.




In dem kleinen Ort Tolsona fanden wir einen Unterschlupf auf einem verlassenen Campingplatz. In einer kurzen Regenpause bauten wir schnell das Zelt auf, erwärmten uns eine Büchse Chili, bevor es wieder vom Himmel hernieder prasselte.

Dank Zwiebel-Technik im Schlafsack war die Nacht erträglich und wir lauschten den Regentropfen, die auf unserem kleinen Zeltdach trommelten.

Der nächste Tag brachte weiteren Regen und wir packten unsere klammen Klamotten und das nasse Zelt zusammen. So schön das Campen im Denali begann, so nervig war es zu diesem Zeitpunkt. Campen macht nur Spaß, wenn es trocken ist. Die Wettervorhersage auf dem Handy für den Ort Seward in zwei Tagen machte uns wieder Hoffnung und motivierte uns. Das schnuckelige Küstenstädtchen auf der Kenai Halbinsel sollte uns mit 30 Grad und purem Sonnenschein empfangen. Das nächste Zwischenziel hieß Palmer am Glennallen Highway gelegen. Dramatische Landschaftsbilder warteten auf diesem Abschnitt und wir mussten ständig anhalten, um uns an der gebotenen Natur satt zu sehen.







Bedingt durch die Hochsaison in Alaska und dem kleinen Zeitfenster angenehmer Temperaturen, mussten wir viele Dinge bereits aus Deutschland vorbuchen. Lediglich zwei Nächte auf der Strecke waren noch offen. Wir wollten wenigsten etwas frei in unserer Entscheidung sein und etwas Roadtrip Romantik in uns aufkommen lassen.

Bei anhaltendem Regen, unerschwinglichen Motelpreisen und sehr viel Tourismus, wurde aus der Romantik schnell eiskalte Realität.

Was hätten wir nicht alles für ein wärmendes Hotelzimmer gegeben. Eine ordentliche Dusche, ein weiches Bett, eine Heizung oder wenigsten Strom, um sich warm zu Föhnen. Wer Alaska jedoch zur Hochsaison bereisen will und sich nicht dem Camperleben anschließen möchte, der sollte sein Portemonnaie ordentlich befüllt haben.

Wir waren bereits kurz vor der Kenai Halbinsel und trotz 15 Grad Außentemperatur war unser Glaube an die prognostizierten 30 Grad in Seward ungebrochen. Das hatte uns unser Handy schließlich versprochen. Nur leider hatte sich das Smartphone einen bitteren Scherz mit uns erlaubt. Möglicherweise verwechselte die Wetterapp die Orte Seward Alaska mit dem Vergnügungsort Seaworld im Sunshinestate Florida. Die 32 Grad wurden kurzerhand halbiert und aus Sonnenschein wurde Regen. So dicht liegen Glück und Frust nebeneinander.

Neben den Touristen bereisen auch viele Einheimische in den drei Sommermonaten Alaska und besonders die beliebte Halbinsel Kenai. Die meisten Menschen sind dabei mit Zelt oder übertrieben großen Campingmobilen unterwegs. Zeitweise denkt man, dass unzählige Reisebusse auf den Straßen fahren. Wohnwagen, doppelt so lang und groß wie Container, mit ausfahrbaren Terrassen, Erkern und SUV’s im Schlepptau. Ohne Komfort reist hier niemand und wir mutmaßten, ob sich die Familien im Inneren dieser Giganten überhaupt zu Gesicht bekamen.

Wir hatte eine kleine Tentside auf einem wunderschönen Campingplatz direkt am See reserviert. Als wir dort ankamen, stand der halbe Campingplatz unter Wasser. Da unser Zelt kein Schlauchboot und nicht schwimmtauglich ist, stornierten wir die Nächte und mussten uns im überlaufenen Seward eine neue Bleibe suchen. Für eine Nacht lagerten wir inmitten einer Wohnwagenlandschaft eingepfercht zwischen den Riesen.

Zelten bedeutet leider auch, dass die Dauer und Intensität des Schlafes immer von den Mitmenschen und unmittelbaren Nachbarn abhängt.

Ständig hupt irgendein Auto, rangiert ein viel zu großer Camper in viel zu kleine Parkplätze, drehen Harley-Davidson Rocker mitten in der Nacht am Gashahn oder plaudern Leute bis in die Morgenstunden am Lagerfeuer. Ein Klassiker, den man auf jedem Campingplatz antrifft, ist die heulende Alarmanlage eines Autos kurz vor 04:00 Uhr morgens. Dank eines Insidertipps fanden wir noch unsere persönlichen Oase. Ein Zeltplatz, der unseren Vorstellungen näher kam. Neben einem kleinen Bach gelegen, geschützt von Bäumen und Natur. Sehr simpel und zweckmäßig, ohne Strom, fließendem Wasser oder Bärenschutz. Dafür Einsamkeit und Ruhe ohne Lautstärke.

Ein Aufatmen ging durch uns durch.




Passend zum Ambiente machten wir uns ein kleines Lagerfeuer, schnitzten Stöcker für Würstchenspieße und ließen es uns gut gehen. Drölf Schlucke Wein dazu und der Abend war vollkommen. Die Kehrseite eines einsamen Zeltplatzes war, dass wir in der Nacht ständig von Geräuschen aufgeschreckt wurden, die nicht menschlicher Natur waren. Aber besser wilde Tiere, als wildgewordene Menschen. Am nächsten Tag zog es uns zum bekannten Exit Glacier und schon am frühen Vormittag war der Parkplatz komplett belegt. Wir quetschten uns zwischen die Campingbusse und starteten unseren Hike. Während wir munter drauflos spazierten, sprangen uns vermehrt Schilder mit Jahreszahlen ins Auge. Erste Jahreszahlen hatten wir bereits auf dem Weg zum Parkplatz etliche Meilen entfernt ausgemacht.

1888, 1900, 1920… Später mussten wir mit Schrecken erfahren, dass diese Jahreszahlen den Gletscher markierten, an dem er einst existierte. Viel war von dem einst majestätischen Eisfall nicht mehr übrig und der kümmerliche Rest wird in den nächsten Jahren auf Immer verschwunden sein.

Vermutlich sind wir die letzte Generation, die ihn noch betrachten kann und wieder einmal wird uns bewusst, wie empfindsam das Gleichgewicht der Welt und wie stark der Klimawandel bereits fortgeschritten ist.




Wir verließen mit gemischten Gefühlen den Gletscher und müssen wohl ein letztes Mal Lebewohl zu ihm sagen. Am Hafen von Seward konnten wir wieder etwas mehr lebendige Natur erleben.

Seelöwen schwammen zwischen den Segelbooten, Otter trugen ihre Junge auf dem Bauch herum und wir erkundeten den kleinen Fischerort. Obwohl die Fassaden der Häuser eher einer Kulisse glichen und allesamt Fake aus Plastik waren, wusste Seward zu gefallen.





Wir buchten eine Halbtagestour durch den Kenai Fjord, in der Hoffnung Buckelwale zu sichten. Sehr erfreulich war die Tatsache, dass der überwiegende Teil der Passagiere an Bord sehr höflich, zurückhaltend und gesittet war. Das Wetter war optimal und wir machten es uns auf dem Oberdeck in der Sonne bequem. Es dauerte nicht lang und die Landschaft um uns herum veränderte sich. Inmitten von Felsbrocken, Bergen und kleinen Inseln tuckerte unser Schiff sicher durch das ruhige Gewässer. Plötzlich hörten wir die aufgeregte Stimme des Kapitäns, der uns auf einen dunklen Schatten im Wasser aufmerksam machte.

Nach einer Weile des Wartens und der Ungewissheit, in welche Richtung wir genau schauen mussten, brach das ganze Schiff schlagartig in Staunen aus. Ein grauer, großer Buckel schob sich aus dem Wasser und es folgte eine riesige Schwanzflosse. Der erste Buckelwal unseres Lebens zog seine Runden in den Gewässern Alaskas. Zu weit weg für brauchbare Fotos aber nah genug für eine warme Erinnerung in unseren Herzen.




Das Schiff fuhr weiter und es sollte der einzige Wal an diesem Tag bleiben, den wir sichteten. Glücklich von der atemberaubenden Landschaft, den verschiedenen Tieren, den hoheitsvollen Bewegungen des Buckelwals und dem Ausflug in seiner Gänze, gingen wir am Nachmittag von Bord. Die Tour sollte den grandiosen Abschluss unserer Alaska Reise bilden, die wir sicherlich niemals vergessen werden. Am Folgetag fuhren wir bereits zurück nach Anchorage, gaben unseren Goldjungen mit 2.200 Kilometern mehr auf dem Tacho ab und flogen Tags darauf zurück in die Lower 48. Mit dem größten aber am wenigsten besiedelten Bundesstaat der USA, der vier Mal so groß ist wie Deutschland, besitzt Alaska ein einmaliges Naturerbe. Keine Erzählungen, keine Texte, keine Worte können die Idylle und Rauheit dieses Stück Landes beschreiben. Alaska ist für uns eines der letzten Abenteuer auf unserem Planeten.